Experteninterview mit Frau Prof. Dr. Iris Kolassa

Leitung der Abteilung Klinische & Biologische Psychologie an der Universität Ulm

Stress – ein Buzzword unseres Jahrzehnts. Meditation oder autogenes Training sind in der Gesellschaft als Entspannungsmethoden angekommen. Kann Puzzeln da mitspielen?

Prof. Dr. Iris Kolassa von der Universität Ulm: „Stress gehört bei den meisten Menschen auf irgendeine Art und Weise zum Alltag dazu, dabei gibt es zahlreiche Aktivitäten, die bei der Stressbewältigung unterstützen können. Puzzeln scheint für viele Menschen eine geeignete ‚Abschalt’-Strategie zu sein, bei der sie entspannen können. Die Konzentration auf das Zusammensetzen der einzelnen Teile sorgt für einen anderen gedanklichen Fokus und kann so beim Abschalten helfen.“
Porträtfoto Prof. Dr. Iris Kolassa

Also einmal Puzzeln und schon bin ich entspannt?

Prof. Dr. Iris Kolassa von der Universität Ulm: „Regelmäßige Entspannungsübungen sind der Schlüssel, das gilt auch fürs Puzzeln. Zu Anfang begeistern die kleinen Erfolge, die man beim Puzzeln erlebt, die Wohlbefinden und Selbstwirksamkeit steigern – also die Überzeugung, schwierige Situationen selbst meistern zu können. Durch die fokussierte Aufmerksamkeit beim Puzzeln können viele Menschen gut abschalten. Regelmäßige Entspannung, insbesondere wenn diese als Teil eines gesunden Lebensstils mit ausgewogener Ernährung und einem ausreichenden Maß an körperlicher Aktivität praktiziert wird, schützt vor den negativen Folgen akuter und andauernder Stressbelastungen.“

Im Alter haben wir vielleicht nicht mehr allzu viel Stress – aber die kognitiven Fähigkeiten lassen nach. Kann Puzzeln hier auch helfen?

Prof. Dr. Iris Kolassa von der Universität Ulm: Vermutlich ja. In der aktuellen Ulmer Puzzlestudie , die wir gemeinsam mit dem Ravensburger Spieleverlag durchgeführt haben, konnten wir beobachten, dass Personen, die ihr Leben lang viel gepuzzelt hatten, kognitiv fitter waren als Personen, die weniger gepuzzelt hatten. Doch auch hier kommt das Thema Stress wieder ins Spiel, denn die kognitiven Fähigkeiten im Alter hängen mit den Auswirkungen von Stress auf die Nervenzellen im Gehirn zusammen. Regelmäßige Entspannung könnte biologische Stresszustände im Körper reduzieren. Das ist wichtig, weil anhaltende Stresszustände die Funktion der Nervenzellen im Gehirn gefährden.“

Und wie sieht es im Alter konkret aus? Kann ich auch dann noch meine kognitiven Fähigkeiten durchs Puzzeln verbessern?

Prof. Dr. Iris Kolassa von der Universität Ulm: „Vermutlich können wir in jedem Alter etwas für unsere geistigen Fähigkeiten tun. Allerdings sollten wir besser in jungen Jahren mit der Prävention beginnen. Zwar sind wir gerade im Alter in besonderem Maße von kognitiven Abbauprozessen bedroht, aber das, was sich einmal auf neuronaler Ebene abgebaut hat, kann vermutlich nicht so leicht wieder rückgängig gemacht werden. Regelmäßige Entspannung und geistiger Anspruch – wie beim Puzzeln – tragen vermutlich auch im Alter noch dazu bei, die geistigen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten. Dieser Effekt wird durch eine ausgewogene Ernährung und körperliche Aktivität noch weiter unterstützt – jedoch gilt wie bei allen Lebensstilfaktoren: je früher man beginnt, desto besser.“
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