Colin Thompson im Interview

Eine andere Art Dinge zu sehen: Der farbenblinde Colin Thompson über seine Arbeit als Puzzle-Illustrator

Eine andere Art Dinge zu sehen: Der farbenblinde Colin Thompson über seine Arbeit als Puzzle-Illustrator

Puzzler lieben die Illustrationen des Engländers Colin Thompson. Sie sind bunt, ausgefallen, dekorativ. Und leicht zu puzzeln, da schon wenige Teile ein kleines Bild ergeben. Im Interview verrät der 75-jährige Colin Thompson mehr über seine Arbeit und wie man trotz Farbenblindheit als Illustrator erfolgreich sein kann.

1. Sie arbeiten als Autor und Illustrator. Was bereitet Ihnen mehr Freude? Das Schreiben oder das Zeichnen?

Colin Thompson: "Das ist eine sehr schwierige Frage, denn beides ist großartig. Ich war über 45 Jahre alt, als ich mit dem Schreiben begonnen habe. Das Zeichnen begleitet mich jedoch schon, seit ich ungefähr vier bin, also noch bevor ich in die Schule kam. Dennoch sehe ich mich als Autor, der auch Bilder macht. Schreiben und Zeichnen beansprucht komplett unterschiedliche Teile des Gehirns. Und so verspüre ich an einem Tag den Drang, zu

schreiben und am nächsten möchte ich den ganzen Tag nur zeichnen. Und dann gibt es wieder Tage, an denen ich von einem zum anderen wechsele und beides mache."
Colin Thompson

2. Wann haben Sie begonnen zu zeichnen? (Wie) hat Ihr Studium Ihre außergewöhnliche Art zu zeichnen beeinflusst?

Colin Thompson: "Wie gesagt, seit ich denken kann, zeichne ich. Die Schule oder jegliche Art von Studium habe ich gehasst und ich glaube, das meiste meiner Ausbildung war reine Zeitverschwendung."

3. Woher stammen Ihre Ideen? Welchen Einfluss hat Ihr Alltag auf Ihre Kunst?

Colin Thompson: "Ideen kommen mir überall und zu jeder Zeit. Die kleinste Sache kann am Ende zu einem ganzen Buch werden."

4. Sie sind farbenblind. Wie äußert sich das? Beeinflusst Sie die Krankheit in Ihrer Arbeit? Und wenn ja, wie?

Colin Thompson: "Ich habe auch das Asperger Syndrom und genauso wie Farbenblindheit sind beides keine Krankheiten. Es ist beides einfach eine andere Art, Dinge zu sehen. Angeblich bin ich rotgrün-blind genauso wie meine Tochter Hannah, was bei Frauen sehr selten ist. Trotzdem hat sie zwei Abschlüsse als Grafikdesignerin. Auch für mich war das nie ein Problem. Es bedeutet nur, dass ich nie hätte Polizist oder Pilot werden können. Aber das beides sowieso Jobs, die mir nicht zugesagt hätten, weil man dabei umkommen kann."

5. Ihre Illustrationen sind sehr detailverliebt. Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einem Werk? Gibt es Illustrationen, die Ihnen schnell und einfach von der Hand gehen und welche, die Ihnen dann doch mehr Mühe bereiten?

Colin Thompson: "Ich arbeite an vielen Dingen gleichzeitig: Im Moment illustriere ich fünf Puzzles und ich arbeite an zwei Bilderbüchern, die ich schreibe und illustriere, sowie einem Bilderbuch, das ich nur schreibe, aber jemand anderes illustriert. Außerdem schreibe ich den ersten Band eines mehrteiligen Kinderromans. Das "Magische Bücherregal" dauerte übrigens sechs Wochen, in denen ich fast komplett nur daran gearbeitet habe. Das Bild war ursprünglich als Doppelseite in einem Bilderbuch mit dem Titel "How to live forever" geplant."
Colin Thompson bei der Arbeit

6. Wann erkennen Sie, dass eine Illustration fertig ist? Bei so vielen Details könnte man meinen, dass man eigentlich nie zum Ende kommt.

Colin Thompson: "Ja, manchmal kann es echt schwierig sein, aufzuhören!"

7. Das "Magische Bücherregal" ist eines Ihrer bekanntesten Puzzle-Illustrationen, auch erschienen als grandioses 18.000 Teile-Puzzle. In dem bunt gefüllten Regal finden sich viele bekannte Buchtitel, die Sie umbenannt haben. So wurde aus "Gone with the wind" der Titel "Gone with the wine" und "Lord of the flies" heißt bei Ihnen "Lord of the pies". Wie kamen Sie zu der Buchauswahl? Und was steckt hinter der kuriosen Veränderung der Titel?

Colin Thompson: "Als ich an der Illustration für mein Bilderbuch "How to live forever" gearbeitet habe, hat sich meine jüngste Tochter Alice, die damals ein Teenager war (jetzt hat sie selbst zwei Kinder), zu mir gesetzt. Wir haben an diesem Nachmittag alle bekannten Buchtitel aufgeschrieben, die uns eingefallen sind. Dann haben wir die verrücktesten Wortspiele daraus gemacht. Manche waren so unanständig, dass ich sie nicht verwenden konnte. Aber wir hatten einen Mordsspaß!"

8. Viele Ihrer Illustrationen finden in einem Regal statt, in dem es spannende und detailreiche Dinge zu bestaunen gibt. Was fasziniert Sie an Regalen und wie kamen Sie auf die Idee, diese in unterschiedlichster Art und Weise zu bestücken?

Colin Thompson: "Regale sind einfach fantastisch, wenn man viele Dinge sehr detailliert in ein Bild packen möchte."

10. Haben Sie ein Lieblingsmotiv? Welches Motiv hat Ihnen rückblickend am meisten Spaß gemacht?

Colin Thompson: "Mein bekanntestes und erfolgreichstes Bilderbuch und mein Lieblingsroman sind „How to life forever“. Das Buch, auf das ich am meisten stolz bin, ist allerdings meine Autobiografie „Fitting In“. Es ist kein Kinderbuch, aber das beste, das ich je geschrieben habe."

Über Colin Thompson

Colin Thompson wurde im Oktober 1942 in London, England geboren. Bereits als Vorschulkind war er vom Zeichnen fasziniert. Nach Schule und einem zweijährigen Studium an den Kunsthochschulen in Ealing und Hammersmith, arbeitete er als Siebdrucker, Grafikdesigner und Bühnenmeister. Danach studierte er ein Jahr an der Filmhochschule und machte diverse Dokumentationen für die BBC. Erst mit 45 Jahren begann er zu schreiben. Im März 1991 erschien sein erstes Buch. Seither wurden über 65 Bücher, hauptsächlich Bilder- und Kinderbücher veröffentlicht. Colin Thompson hat drei Töchter und fünf Enkel und lebt mit seiner derzeitigen Frau Anne in Bellingen in New South Wales, Australien.
Colin Thompson
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