Eine einfache Jurte

Nachdem wir einige Tage in der Hauptstadt Peking verbracht haben, landen wir in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei. Ich höre dich denken: Hohhot? Was machst du um Himmels Willen in Hohhot? Die Mongolei selbst ist natürlich das Pferdeland schlechthin, und die Provinz Innere Mongolei, die noch zu China gehört, geht fast nahtlos ins gleiche Gebiet über, mit den dazugehörenden Bräuchen und Sitten. Und nicht nur die Pferde, sondern auch die traditionellen Jurten haben eine magische Anziehungskraft auf uns.

Nach zwei Stunden Autofahrt gelangen wir endlich nach einer langen, holprigen Schotterstraße zu unserer „Ranch“. Einige Reisebusse stehen bereits vor dem Areal, daneben stehen 50 Jurten in Reihen nebeneinander aufgestellt, vor uns ein Restaurant mit Küche und Rezeption. Im Vordergrund sind die Pferde gesattelt und wie Wäsche an langen „Wäscheleinen“ angehängt. Sie warten geduldig auf ihre Gäste. Am linken Horizont sehe ich einen großen Reiterzug. Du kannst hier sicherlich tagelang reiten, ohne jemandem zu begegnen! Und genau das haben wir vor!

Wir bekommen den Schlüssel von unserer Jurte. Nicht mehr als ein kleines Abus-Schloss versperrt den Zutritt, und als ich die Tür öffne, sehe ich nicht mehr als einen Teppich auf dem Holzboden, zwei Betten mit Decken und Polstern, ein kleines Waschbecken, eine Toilette und… einen mega großen Fernseher! Die Jurte ist unser gemütliches Zuhause für die nächsten Tage. Romy möchte natürlich sofort zu den Pferden. Im Vorfeld ist uns erzählt worden, dass wir für 20 Euro den ganzen Tag ein Pferd mieten können. Unser Führer erklärt, dass die Stunde gute 360 Yuan, also knappe 45 Euro, pro Person kostet. Damit habe ich nicht gerechnet! Von zwei Tagen Reiten müssen wir jetzt auf „nur“ drei Stunden umdisponieren. Ich habe nämlich nicht mehr Geld dabei, und einen Bankomaten gibt es hier weit und breit nicht.

Die Pferde sind etwas gewöhnungsbedürftig. Romys Pferd ist ziemlich brav, schlägt aber ständig nach meinem Pferd aus. Ich muss gut aufpassen, dass sich nicht gerade mein Fuß oder, noch schlimmer, mein Schienbein dazwischen befindet. Mein Pferd hat ganz andere Vorstellungen von dieser Reittour und dreht sich dauernd um. Nach einer halben Stunde durch die fantastische Landschaft mit traumhaften Aussichten erreichen wir einen mongolischen Stupa, Aobao genannt. Der Aobao ist aus Steinen gebaut, und weil Romy inzwischen manche Gebäude als „Steinhaufen“ bezeichnet, glaube ich bereits den Titel für mein neues Buch und das dazugehörige Foto gefunden zu haben. Als Dankeschön für den Geistesblitz danke ich dem Aobao und stecke 20 Yuan in die Spendenbox.

Imposante Bauwerke

Bei der Planung der Rundreise habe ich lange überlegt, ob ich, wie alle anderen Reiseveranstalter, nach Pingyao fahren soll. Oder etwas eigensinnig, doch Datong im Programm aufnehmen werde. Laut Lonely Planet wirst du in Pingyao innerhalb der Stadtmauer alles vorfinden, was Reisende von China erwarten. Datong hingegen hat einige UNESCO-Kulturschätze: die Yungang-Grotten, die älteste Holzpagode der Welt und das hängende Kloster. Als ich dann die Fotos im Internet gesehen habe, wollte ich unbedingt dorthin, weil wer, um Himmels Willen, baut ein Kloster hängend an den Felsen?

Als wir in Datong bei Heng Shan, einem der fünf heiligen chinesischen Berge, ankommen, sind wir von der Überzahl der Touristen begeistert. Außer 100.000 Asiaten sind wir die einzigen zwei Europäer. Und es ist wirklich spektakulär, wie das Kloster hier wortwörtlich an der Bergwand „pickt“. Die langen Stützpfeiler, auf denen es ruht, sehen aus der Ferne wie schmale Zahnstocher aus. Das Kloster besteht aus 40 winzigen Hallen und Pavillons und wurde entlang den Konturen der Steilwand gebaut, wobei man sich natürlicher Aushöhlungen und Vorsprünge zur Abstützung bediente. Beim Betreten des Bauwerks haben nicht nur der eine oder andere Chinese, sondern auch wir so unsere Bedenken. Unser Führer erzählt, dass die Stützbalken sich zu zwei Drittel in der Wand befinden. Ein Drittel steht heraus, und diese Enden werden eben von den „Zahnstochern“ gestützt. Auf diesen Balken liegen Querbalken, auf denen wir jetzt gehen. Alles kracht und quietscht, aber es hält – logisch – und ich bin begeistert. Dazu kommt, dass das Kloster schon seit dem 6. Jahrhundert so hängt. Es wäre wohl ein Wunder, wenn das Bauwerk genau jetzt, wenn ich es betrete, abstürzt.

Ein weiteres Glanzstück in Datong sind die Yungang-Grotten, die seit 2001 zum Weltkulturerbe der UNESCO gekrönt sind. Die Grotten beherbergen beeindruckende 51.000 Statuen! Die bekannteste Statue ist sicherlich ein sitzender Sakyamuni Buddha. Er misst wahre 17 Meter! Allein sein Ohr hat über zwei Meter Länge. Witzig ist, dass die kleinste Statue im gesamten Komplex nicht einmal zwei Zentimeter misst! Insgesamt sind 45 Grotten zu besichtigen, teilweise mit wertvollen Fresken versehen. Beeindruckend sind die Malereien mit tollen Tiermotiven sowie viele Tierstatuen, obwohl sie, Wind und Wetter ausgesetzt, bereits sehr verwittert sind.

Wasserpistole

Ich glaube, es war 1994, als ich eine Gruppe nach Orlando, Florida begleitet habe und völlig perplex am Boden eines Kuppelkinos im Epcot Center lag. Nicht, dass ich umgekippt bin, nein, der Film wurde auf der runden Kuppeldecke abgespielt, und du siehst die Bilder einfach am besten, wenn du dich am Boden hinlegst. Und so bin ich damals mit meiner Gruppe am Boden gelegen, und wir haben einen Film über das Karstgebirge in China angesehen. Die Bilder waren so beeindruckend, so fantastisch, dass ich am Ende des Films gedacht habe: „Da möchte ich irgendwann hin.“ Heute ist es so weit und ich begebe mich mitten in das fantastische Karstgebirge!

In dieser Kulisse werden wir mit einem Bambusfloß eine Fahrt über den Yulong-Fluss in Angriff nehmen. Auf jedem Floß sind in der Mitte zwei Liegestühle montiert, darüber ist ein farbenfroher Schirm aufgespannt. Bevor wir auf das Floß steigen, müssen wir uns zuerst das wichtigste Utensil besorgen: eine Wasserpistole! Jemand hat uns erzählt, dass es üblich ist, dass die Passagiere der Boote einander mit einer Wasserpistole bekämpfen. Somit sind wir für den Kampf gerüstet!

Gemütlich fahren wir den Fluss hinunter, vor mir spielt sich jetzt der Film aus dem Epcot Center live ab. Die traumhaften Karsthügel sind immer am Horizont, und das tägliche Leben der Bauern spielt sich direkt am Ufer neben uns ab. Am selben Ufer waschen Frauen ihre Kleidung, ein Bauer lässt seine Enten im Fluss schwimmen, ein Wasserbüffel grast vor sich hin und Kinder spielen und hüpfen im Wasser. Die grüne Landschaft und das leise Rauschen des Wassers wirken beruhigend. Romy sitzt im Bikini vorne auf dem Floß und lässt ihre Beine ins warme klare Wasser des Flusses hinunterbaumeln. Die Wasserpistole ist natürlich ein tolles Spielzeug und Romy spritzt einfach vor sich hin. Im Moment sind wir allein auf dem Wasser, noch ist kein „Opfer-Boot“ in der Nähe.

Auf dem Wasser treiben Plattformen, auf denen sich kleine Restaurants oder Fotostudios befinden. Hier kannst du dich in der traditionellen Tracht der Hmong verkleiden und fotografieren lassen. Manchmal fahren andere Floßboote längs vorbei, um gekühlte Getränke, Esswaren oder Souvenirs zu verkaufen. Langsam werden wir von anderen Booten überholt und gleich geht die Wasserschlacht los. Irgendwie ist es doch komisch, einfach wildfremde Menschen mit der Pistole nass zu schießen. Aber da bleibt dir nichts anderes übrig!

Drachenknochen

Die Region nördlich von Guilin ist bekannt für ihre Drachenknochen-Reisterrassen, eine unglaubliche Leistung landwirtschaftlicher Konstruktionskunst. So sind die Reisterrassen gegen die steilen Bergflanken bis in eine Höhe von 1.000 Meter angelegt, und es haben drei oder vier Reihen Reispflanzen in den kleineren Reisbecken Platz. Die schmalen Terrassen sehen aus der Ferne wie Drachenknochen aus, deswegen der Name. Das heutige Ziel ist das 600 Jahr alte Zhuang-Dorf Ping’an. Vom Parkplatz aus ist das Dorf nur zu Fuß zu erreichen. Ich habe das Gepäck bereits umgepackt und werde nur eine Tasche zum Hotel mitnehmen. Selber tragen brauchen wir es nicht. Es gibt jede Menge Männer und Frauen, die das Gepäck der Touristen nach oben schleppen. Vielleicht hört sich das etwas dekadent an. Ich denke, dass dieser Service für die Einwohner wichtig ist, weil es etwas Geld bringt. Wer weiß, ob die Touristen dieses Dorf besuchen werden, wenn sie das Gepäck selber tragen müssten. Aber es geht noch dekadenter, keine Sorge! Es gibt nämlich sogenannte Tragestühle, in die du dich hineinsetzen kannst. Zwei starke Männer heben das Gestell auf und schleppen dich den Berg hinauf…
Am nächsten Tag möchte ich eine Wanderung entlang der Reisfelder machen. Zuerst wandere ich zum Aussichtspunkt und habe eine traumhafte Sicht auf den Drachenknochen. In dieser Jahreszeit sind die Reisfelder saftig grün, was ich bestätigen kann. Obwohl Ping’an ein echtes Zhuang-Dorf ist, kommen die Yao-Damen des Nachbardorfs Dazhai immer öfter über die Gipfel nach Ping’an. Der Grund dafür sind ihre langen Haare. Die Haare der Yao werden, sobald die Mädchen 18 Jahre werden, zum ersten Mal geschnitten. Die Haare sind dann meistens schon einen Meter lang. Nachher werden die Haare nie wieder geschnitten. Täglich verbringen die Frauen mehrere Stunden mit der Pflege der Haare.

Ganz oben am Berg kann ich auf der gegenüberliegenden Bergflanke einen anderen Aussichtspunkt erkennen. Der Pfad schlängelt sich im flachen Gelände entlang der Reisfelder, manchmal durch einen kleinen Bambuswald, ein andermal müssen wir ein Bächlein überqueren. Das Wasser rinnt über den kleinen Bach den Berg hinunter, später wird es in einem kleinen Kanal entlang der Reisterrassen geleitet. Es weht eine angenehme Brise, und die Aussichten sind jedes Mal beeindruckend. Ich sehe, dass nicht nur Reis gepflanzt wird. Die Bauern setzen auch Mais, Kürbisse, Süßkartoffeln, Sesam und Chili für den Eigenbedarf. Als ich so an den kleineren Terrassen vorbeigehe, bemerke ich erst, wie steil die Flanken eigentlich sind und wie die Häuser auf den Flanken gebaut sind. Faszinierend!
Welche Abenteuer wir sonst noch erlebt haben, erfahren Sie hier: http://blog.travelkid.at